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IRONMAN NEW ZEALAND 2014

Einmal Vergaser durchpusten...mein Ironman New Zealand 2014 Wettkampfbericht (1/3/2014)

 

Da war es gerade noch Oktober 2013 und ich zerbrach mir den Kopf über die Saison 2014, während ich ein Knochenödem im Schienbein und meine bis dahin 3. Schlüsselbein-OP auskurierte und ehe ich mich versah, stand plötzlich der 23. Februar auf dem Kalender und es hieß „bye bye Germany“ – „hello New Zealand“. Auf zum 30. Jubiläum des IMNZ. Wahnsinn wie die Zeit rast. Wie sagen die Kiwis so schön? „Time is flying when you are having fun“. Die Wochen im Januar und Februar waren für mich aber nicht wirklich sehr lustig, da derart vollgepackt, dass mir tagsüber zeitweise nicht mehr als 5 Minuten blieben um eine kleine Schüssel Haferflocken zu versenken bevor es zum nächsten Kunden oder zurück an den PC ging. Von Erholung nach einer harten Trainingseinheit war in den acht Wochen bis zum Abflug keine Rede mehr. Das konstante GO!GO!GO! hatte dann noch dazu die ein oder andere schlaflose Nacht zur Folge. Nun, ich schätze ich trage nicht umsonst den Spitznamen Euli...

 

Entsprechend geschlaucht ging es schließlich auf die lange Reise nach Neuseeland. Die 11,5h von Frankfurt nach Kuala Lumpur plus 15h am Kuala Lumpur International Airport, plus 10h bis Auckland addierten sich dann mit Mietauto abholen, Zwischenstop in Cambridge und Weiterfahrt nach Taupo, Einkaufen und Aufsuchen meiner Unterkunft zu netten 50+ Stunden Reisezeit zusammen. Und diese mehr oder weniger ohne Schlaf. Dies sorgte für eine erste von mehreren koma-ähnlichen Nächten in Taupo. Und zwar derart koma-ähnlich, dass ich selbst am Wettkampf Morgen meinen Wecker überschlief!!!

 

Erst um 4:47Uhr wurde ich vom Garagentor geweckt, als sich meine Gastvater zusammen mit Tochter Claire auf den Weg Richtung Ironman begab um dort als Voluntäre anzupacken. Sie dachten ich wäre längst wach und würde in 10 Minuten das Haus verlassen...Nun, nicht wirklich...

 

Plan war um 4:00Uhr aufzustehen und erst einmal in Ruhe zu Frühstücken – 2:45h bevor der Startschuss fiel. Ich bin ein Mensch, der am Morgen seine Routine braucht und dies erst Recht vor einem Wettkampf.Und zwar ohne jeglichen Stress. Routine heißt aufstehen, im Bad fertig machen (Wettkampfnummern-Bodytatoos aufkleben, Timing Chip anbringen, Zähne putzen, Toilettengang etcpp), Frühstücken, meinen grünen Tee trinken und noch einmal ganz in Ruhe den eigenen Wettkampfplan durchgehen. Die Wettkampfverpflegung frisch zubereiten und mich dann entspannt auf den Weg begeben. So SOLLTE es aussehen.

 

Fakt war dann aber ein Aufwachen mit Schrecken, ein gefühlter halber Herzinfarkt, zitternde Hände, Schweißausbruch, KEIN Frühstück, KEIN wach machender grüner Tee, KEIN Toilettengang. Anstatt dessen ersteinmal TIIIEF DURCHATMEN und mich selbst beruhigen, überlegen, was am wichtigsten ist, dann in Eile die Wettkampfnummern an Arm und Wade anbringen sowie den Timing Chip, Wettkampfverpflegung mischen, Wettkampfssachen schnappen und LOOOOS!

 

Zum Glück konnte ich direkt einen Parkplatz ergattern, bin durch die Registration ab in die T1 gedüst, dort auf einen netten Radmechaniker gestoßen der mir die Reifen aufgepumpt hat, Rad fix und fertig gemacht und samt Neo und Post-Race-Beutel auf zur nächsten Toilette. Da es da aber schon SO spät war ging da vor lauter Hektik nicht viel. Also Neo an und durch die Massen an Agegroupern erstmal Richtung Start gedrängelt. Als ich endlich im Wasser war ging auch schon die erste Kanone für die Profimänner los. Eine Minute später dann wir - die Profimädels. Vor lauter lauter hatte ich auch noch vergessen den Neo richtig zuzumachen. Als ich bei der ersten Wendeboje nach 28:05min ankam lag ich noch voll auf Kurs für die 1:00:00h. Am Ende war’s dann aber doch nur eine 1:03:40h. Und damit 3:40 Min langsamer als geplat. Wobei ich jedoch der Meinung bin, dass das an den versetzten Bojen auf dem Rückweg der Strecke gelegen haben muss. Auch beim Betrachten meiner Garminaufzeichnung schaut es nach der ein oder anderen Kurve auf dem Rückweg aus.

 

Aber, die Devise lautet, abhaken und weitermachen. Also durch die erste Wechselzone geflitzt und ab auf’s Rad. Tja und anstatt wie immer mit Verstand an den Tag heranzugehen hab ich auch hier genau das gemacht, was man eben bei einer Langdistanz NICHT tun sollte: Den Fuß auf‘s Gaspedal und bis auf Anschlag durchtreten! Von Beginn an. Ich wollte so schnell wie möglich wenigstens in die Top10 gelangen. Die ersten 90km liefen auch nicht wirklich schlecht und ich konnte einiges an Platzierungen gut machen.

 

Allerdings mit dem Nebeneffekt, dass ich meinen Tank gnadenlos leerfuhr. Auf der zweiten Radrunde fühlte ich mich plötzlich immer hilfloser. Oooohhh...es ist so unglaublich ernüchternd, wenn man aus seinem Tagtraum erwacht und urplötzlich das Superman-Cape an den Nagel hängen muss. Ja, wenn der Tank einmal leer ist...keine Ahnung wie oft ich das meinen Athleten schon geprädigt habe.

 

Also ging es mit gesenktem Kopf weiter, leeren Beinen und leerem Blick. Gegenwind, die rauhen Strassen und jeder kleine Anstieg brachen mir immer mehr das Herz. Da ging garnichts mehr. Ich kam mir vor als stünde ich still. Die Tatsache, dass mich ein Athlet nach dem anderen überholte bestätigte mir unsanft, dass es definitiv nicht mein Tag war. Zurück in T2 bekam ich dann ein deutlichen Signal von meinen unteren Extremitäten. Wenn Beine Augen hätten - sie hätten mich sehr ungläubig angeschaut.

 

Das erste mal in meinem Ironlady Dasein, dass ich mir kein bisschen vorstellen konnte wie ich nun noch einen Marathon bewältigen sollte. Okay – also nachgedacht welch andere Option es noch gäbe. Hmmm...echt, nicht viele. DNF?!!!! Nun, wäre ich verletzt oder krank, yep, dann macht das Sinn auf den eigenen Körper zu hören. Aber ich war weder das eine noch das andere. Also gab es auch keine andere Option. Und schon steckte ich in den Laufschuhen und versuchte so etwas wie Laufen. Zu den fiesen Adduktorenschmerzen kam dann ein altbekanntes Gefühl am großen Zeh. Ich fühlte wie sich die komplette Unterseite meines Zehs mit Wasser füllte. Auf den ersten 7 Kilometern. Großartig. Only 35,2km to go. Also, anhalten Schuh und Socke aus aber ich konnte nicht erkennen wo sich mein Zeh die Blase herrieb. Die exakt gleiche Blase die sich auch in Vichy unter der gleichen großen Zehe gebildet hatte und letztenendes der Grund meines Knochenödems wurde. Ein herrliches Gefühl wenn die Blase dann irgendwann dick genug ist und unter dem Druck platzt, sich dann scheinbar wieder von vorne beginnt zu bilden. So ungefähr müsste es sich anfühlen wenn man sich die Haut selbst vom Fleisch abzieht. Aber wir sind ja Ironman und women. Wir lieben Schmerzen.

 

Letztenendes muss ich sagen, dass der Vorteil eines langsamen Wettkampfes der ist, dass man viel mehr mitbekommt was an der Strecke passiert und was mich auf der ersten Runde noch irritiert und gestört hat wurde auf den beiden letzten Runden mein eigenes Ablenkungsmanöver. Ich wurde zum Zuschauer der Zuschauer. Je mehr ich meinen Fokus auf die Party am Streckenrand richtete, desto schneller ging die Zeit vorbei.

 

Das allerschönste war die Tatsache all meine Bekannten, Freunde und ehemalige Arbeitskollegen am Streckenrand zu haben – ich hab mich wirklich wie zu Hause gefühlt – sicher und aufgehoben. Auch wenn ich zu gerne einen nächsten Gang gehabt hätte um zu zeigen, dass ich das doch alles auch viel schneller kann. Aber darum ging es längst nicht mehr...

 

Im Ziel angekommen war ich dann einfach nur baff - was war das denn bitte?!! Im Nachhinein denke ich anders, und zwar, dass das ein ganz großer persönlicher Erfolg für mich selbst gewesen ist. Vor allem was Willenskraft und meinen Kopf betrifft. An diesem Tag lief kein kleinster Tropfen Adrenalin in meinen Adern, ich war müde, aus meiner Routine gerissen und hatte keine Chance mich irgendwie in den Tag zu finden. So ungefähr müsste es sich anfühlen auf Morphium einen Triathlon zu absolvieren. Ich hatte zu jeder Sekunde das Gefühl sofort einschlafen zu können. Das unter solchen Umständen noch eine 10:19h herauskommt ist irgendwie unglaublich. Ich würde fast behaupten ich habe einen Ironman im Schlaf absolviert.

 

Natürlich habe ich in meinem Zimmerchen zu Hause in der Unterkunft dann erstmal die ein oder andere Träne vergossen. Dennoch bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass rückblickend das Ergebnis voll und ganz 1.) meine Vorbereitung nach Knochenödem und 3 Schlüsselbeinoperationen mitten im deutschen Winter und 2.) die 50+ Stunden Anreise (nur 3 Tage vor Wettkampf) plus Jetlag - wiederspiegelt.

 

Ich habe wieder einiges hinzugelernt (z.B. Reise niemals ohne einen anständigen Reisewecker).

 

Das Take Away dieser Geschichte jedoch ist Folgendes: Wir alle haben Pläne, Vorstellungen und Routinen die uns helfen uns auf einen großen Event einzustellen. Nichtsdestotrotz, das Leben nimmt uns manchmal die Chance alles nach Plan zu kontrollieren. Es ist einfach so, das Dinge passieren können, die nicht planbar sind und außerhalb unserer Kontrolle liegen. Das kann ein extrem tiefer und erschöpfter Schlaf sein der einen den Wecker überschlafen lässt, ein platter Reifen, Wind, Regen, Hitze, eine Trinkflasche die aus unserem Flaschenhalter springt etc. Es gibt Situationen für die man vorher auch keinen Plan B hat ausklügeln können, weil man schlichtweg nicht an deren mögliche Existenz dachte. Da muss der Plan B dann der sein, dass man Zuversicht behält, Erwartungen anpasst und später eben nicht das Gefühl hegt sein Ergebnis vor Gott und der Welt rechtfertigen zu müssen. Es reicht, wenn man selbst weiß, dass man versucht hat das Beste aus der gegebenen Situation zu machen. Und das heißt in den meisten Fällen: Ruhe bewahren und alles mögliche machen – bloß nicht aufgeben. Denn grundlos das Handtuch zu werfen bringt nach einer kurzen Erleichterung eine schwer zu (er)tragende Last mit sich. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre erst um 8:00Uhr in meinem kuschelig warmen Bettchen aufgewacht oder hätte in der zweiten Wechselzone aufgegeben. Ich wäre heute ein sehr unglücklicher Mensch.

 

Die Tatsache, dass ein Flugzeug mit Abflugsort KL - der Fluggesellschaft mit der auch ich über KL geflogen bin - am Tag vor meiner Abreise spurlos vom Radar verschwunden ist, hat mir im Nachhinein noch einmal bestätigt wie unrelevant Wettkampfergebnisse letztenendes sein können. Wenn ich an die Angehörigen der Vermissten denke wird mir ganz anders zumute. Inzwischen sitze ich wieder zu Hause in meinem alten Fachwerkhäusschen nach einer unglaublich wunderschönen Zeit in Neuseeland. Die letzten fünf Tage habe ich mit all meinen Freunden in Auckland verbracht, war an meinem Lieblingsstrand schwimmen, habe Kunikuni das Schwein umarmt, viel erzählt, erzählt bekommen und gelacht. Neuseeland meint es immer wieder gut mit mir!

 

Leider habe ich nicht von jedem Catch-up ein Foto - aber eins steht fest: Ich hatte eine wirklich wundervolle Zeit mit jedem meiner lieben Freunde in Auckland. Zurück in good old Germany laufen sich meine kleinen 40 Minuten Läufchen nur 10 Tage nach dem Wettkampf derzeit locker-leicht im 4:45‘/km Schnitt fast wie von selbst als wäre der Motor jetzt einmal durchgepustet und warmgelaufen. Ready to go for summer 2014!!! Auch was die Bräunung betrifft...

 

Mein allergrößter Dank geht an CALEDONIA (http://www.cpm-golf.com/home) - die mir diese Reise ermöglicht haben. Sowie meinen herzallerliebsten Bruder und meine Mutter!!! D-A-N-K-E :-)

 

Speak soon :-) Celi