11. PLATZ BEIM GETTING TOUGH THE RACE 2016

"Die Hölle von Rudolstadt"

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Es ist Montag Vormittag der 5.12.2016, ich sitze an meinem trockenen warmen Schreibtisch in meinen dicken Lieblings-Fleecepulli gekuschelt und weiß Trockenheit und Wärme heute auf einem ganz neuen Niveau zu schätzen. Die Wettkampfbekleidung von vor zwei Tagen ist mehrfach geschrubbt, gewaschen, gespült, sämtliche Asics Lauf- und sonstige Schuhe getrocknet und vom Matsch befreit und die Wohnung dreimal gesaugt, nachdem schließlich auch die letzten Erdklumpen, Blätter und Strohhalme aus den Klamotten geschüttelt waren während der Tee immer noch endlos aus meiner Thermoskanne fließt.

Der unglaubliche Marc Sund hatte es nach circa 12 Monaten und mehreren Verlockungsversuchen geschafft, mich zu meinem ersten Hindernislauf-Start zu bewegen. Ich wiederum schaffte es – wie auch immer – meine liebe Chrissie mit an Bord dieses Abenteuers zu holen. Verrückte können nur mit Verrückten befreundet sein schätze ich ;-) Anstatt mit einem milden 7 oder 10 Kilometer Lauf bei humanen Wetterbedingungen und geeigneten Anfänger-Hindernissen zu starten, entschieden sich die zwei Löwendamen Christina Rose und meine Wenigkeit also auf direktem Weg für das „härteste Hindernisrennen Europas“. Das „Getting Tough The Race“ oder auch einfach "The Race" genannt. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke war: „ich als alte Ironman Lady und ehemalige Turnerin werde da schon eine Menge Spaß und bestimmt keine großen Probleme haben“. Ganz großer Fehler als Hindernisläufer-Neuling erst mal zu schmunzeln und zu denken „Oh Mann, was ein Kindergarten. Im Matsch rumrennen und über ein paar Balustraden klettern.“ Zumindest die Teilnahme in der eiskalten Hölle von Rudolstadt wird einen schlagartig eines Besseren belehren.

Was hier zählt betrifft nicht nur Ausdauer, Kraft sowie körperliches und mentales Durchhaltevermögen zu vollständigen 100% und darüber hinaus, sondern vor allen Dingen auch Hilfsbereitschaft und die Verbundenheit untereinander. Ich bin im Nachhinein so dankbar für diese unglaubliche Erfahrung. Jeder hilft jedem. Du hilfst mir rauf, ich helfe dem Nächsten. Das war klipp und klar die Devise ohne die dieses Rennen auch nicht funktionieren würde.

„The race that destroys you“ dröhnt der Werbeslogan des Getting Tough The Race. Eine kleine aber ernst zu nehmende Vorwarnung auf die mit 1000 Höhenmetern und circa (ich habe nicht mitgezählt) 180 Hindernissen garnierte 24 Kilometerstrecke, die es zu erlaufen, -kriechen, -klettern, -hangeln, -tauchen...galt. Alles war erlaubt solange man die Hindernisse damit bewältigte. Mehrmals ging es für uns im etwa 4 Grad kalten Wasser bei Außentemperaturen von nahe der Null durch das eiskalte Wasser der Saale und des Rudolstädter Freibades. Kopfunter tauchend durch Baumstämme, in Wasserfällen an glitschigen Steilwänden empor kletternd und unter baumelnden Autoreifen eiskalte Wasserbecken durchkriechend. Wasser, Wasser und nochmals Wasser in eisig kalten Strömen über den gesamten Körper. Von Anfang bis Ende. Die Organisatoren, Markus Ertelt und Michael Kalinowski, haben keine Kosten und Mühen gescheut um jeden einzelnen Teilnehmer aus seiner Komfortzone und weit darüber hinaus zu pushen. Der Werbeslogan scheint einem am Tag nach dem Rennen mit einer Vielzahl an Beulen und blauen Flecken in den geschundenen Körper graviert zu sein.

Bei Minusgraden ging es um kurz nach 10 Uhr mit einem spektakulären Massenstart im Sprint auf das längste Kriechhindernis Europas los. Um die 30.000 Zuschauer verfolgten laut Veranstalter ab da das Spektakel. Also los, Feuer frei im wahrsten Sinne des Wortes, denn von der Feuerwehrbesatzung wurden die NOCH trockenen Starter mit Wasserstrahlern, 400 Meter in Windeseile über den gefroren Boden kriechend und krabbelnd, begleitet. Unter Stacheldraht hindurch zum ersten und zweiten Wassergraben. Schon hier war klar – ohne gegenseitige Unterstützung geht gar nichts. Du hilfst mir und ich helfe dem Nächsten. Nach circa 20 Laufkilometern gespickt mit steilen und rutschigen Hängen, Singletrails über Stock und Stein, dem Schleppen von Autoreifen, im Zickzack Kuhwiesen auf und ab, durch dichte Bewaldung, kleine Ortschaften immer einmal wieder eine Reihe an Eskaladierwänden überkletternd, durch Netze am Boden kriechend oder drei Meter hohe Pyramiden aus gepressten Papier überkletternd ging es dann zur Sturmbahn zurück – dort wo das Rennen begonnen hatte und nach 20 anstrengenden Kilometern im Prinzip doch wirklich erst begann.

 

Die Sturmbahn und der „Walk of Fame“ bedeuten das Ende eines Rennens das nicht enden zu wollen scheint. Die Hölle von Rudolstadt macht ihrem Namen alle Ehren und mehr als das. Als zehnte Frau hatte ich es gerade noch geschafft mir ein gelbes Elitebändchen zu ergattern. Ab da galt eine neue Regelung. Bei den folgenden über 100 Hindernissen durfte ich nur 2-3 (je nach Hindernis) Fehlversuche verbuchen, sonst wurde mir das Elitebändchen entfernt und damit war die dann doch heiß ersehnte schwarze Medaille verloren. Das bedeutete wahnsinnig viel Willenskraft. Der Körper verselbstständigte sich schon bald vor Kälte und Zittern. Keine so gute Sache wenn man an glitschnassen Metallstangen entlang hangeln, das riesige Baugerüst des „Big Ben“ erklimmen oder eine 8 Meter hohe Holzpyramiden überklettern soll. Die Oberschenkel waren vom bergigen Auf- und ablaufen völlig zerstört und mussten sich bei den unzähligen Sprüngen von den Hindernissen hinunter in den Schlamm wirklich bis auf die letzte Faser opfern. Der unglaubliche Teamgeist unter den Teilnehmern und die direkt am Kurs stehenden Zuschauermenge haben aber geholfen das Rennen Hindernis für Hindernis ins Ziel zu bringen. Ich war selten so froh und stolz es dorthin geschafft zu haben. Der elfte Platz in 3:20:13h (4. AK) muss nächstes Jahr unbedingt verbessert werden ;-) Jetzt weiß ich was auf mich zukommt, dass ich rutschfeste Handschuhe und Kopfbedeckung benötige um die Hindernisse schneller bewältigen zu können, dieses Wissen darf nicht ungenutzt bleiben. Ich schätze der OCR Virus hat mich gepackt.

An dieser Stelle möchte ich DANKE sagen: An den Infizierer Marc Sund, Christina Rose und Moritz Beker – ohne die dieses Abenteuer nicht das gleiche gewesen wäre. Sie alle haben die Vorbereitung und dieses Wochenende zu solch einem fantastischen Erlebnis werden lassen. Mit viel Nervosität sowie noch mehr Humor und Wärme. Ich bin wahnsinnig dankbar Euch kennen zu dürfen. Ihr seid großartig.

Mein größter Respekt gilt meinem Lieblingsmenschen Christina Rose, die echte Power und Willensstärke gepaart mit der nötigen inneren Ruhe und gespickt mit wunderbarem Humor bewiesen und das Rennen als gesamt 38. Frau (6. AK) in 3:51:36h ins Ziel gebracht hat. Chrissie, das war eine verdammte GLANZLEISTUNG und für mich ein unglaublich wertvolles gemeinsames Erlebnis. Von der Vorbereitung bis zum Finish. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde, jeder Moment. Du bist und bleibst die Beste!

Meinen Hut ziehe ich vor unserem GTTR Anstifter und Motivator: Dem unglaublichen Marc Sund, der uns durch seine sympathische Art, seinen Kampfgeist und seine Euphorie mit dem OCR-Fieber angesteckt hat. DANKE Marc. Danke Danke! Chapeau vor der Anzahl an Wettkämpfen, teils wirklich hochkarätig, die Du diese Saison absolviert hast. Ich glaube am Ende waren es 16 oder 17 Stück. Der Hammer. Nächstes Jahr will ich beim GTTR mit Dir ins Ziel kommen :-) Bleib so wie Du bist Marc. Du bist eine echte Bereicherung!

Und last but not least möchte ich mich ganz herzlich bei unserem Support-Mann Moritz bedanken. Als Sportler andere Sportler zu begleiten hat immer seine zwei Seiten. Man möchte das Beste für die Starter und ein bisschen blutet das eigene Herz weil man selbst gerne am Start stünde. Man hat kein „Anrecht“ darauf selbst nervös zu sein, aber darf die Nervosität (und das JSchmerzgejammer am nächsten Tag) der anderen aushalten. Ich hoffe wir haben es Dir nicht zu schwer gemacht lieber Mo und ich hoffe noch mehr, dass Du weißt wie sehr wir Deine Begleitung, Betreuung und die schönen Eventfotos zu schätzen wissen. Jetzt müssen wir nur gut überlegen, wie wir Dich als Support für 2017 noch einmal gewinnen können ;-)

2401 Herren und 241 Damen finishten das Rennen von insgesamt 3158 gemeldeten Starten.

Ich schließe mit den Worten des in Weimar verstorbenen Friedrich Schiller:

 

"Wirf das Vergangene von dir, laß es fahren; ergreif das Gegenwärtige mit vollem Herzen."

Ich kann mir die Gegenwart im Moment nicht schöner vorstellen!

In diesem Sinne :-) Bis zum nächsten Bericht - onwards and upwards,

Eure Celi