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DIE ANDERE ART EISENHART ZU SEIN

Bericht für Christian Zippel's (ehemalige) Homepage "Der Wille zur Kraft" Januar 2012

 

Frage: „Was machst Du eigentlich so (in Deinem Leben)?“

Antwort: „Ich bin Triathletin und trainiere für die Ironman-Distanz (3,8km Schwimmen+180km Rad fahren+42,2km Laufen)“.

Nächste Frage: „Krass - Und WARUM warum tust Du Dir das an?“

 

Es gibt Situationen, Problematiken, Fragestellungen die sich nicht wissenschaftlich erläutern lassen und für die es keine „richtige“ oder „falsche“ Antwort gibt. „Warum tut man das, was man tut?“, „Wie lange will man das noch machen?“, „Macht das eigentlich einen Sinn?“.

 

Um was es sich bei mir täglich dreht: Trainieren Trainieren Trainieren – wie schon gesagt, für die Ironmandistanz. Nebenher abeite ich zwischen 20-40 Wochenstunden – je nach Terminen. Ich bin selbstständig – so kann ich mein Training am besten unterbringen.

 

Sport mache ich seit ich vier Jahre alt bin – seit 2004 (richtig ambitioniert 2006) habe ich mich der Kombination von Schwimmen-Radfahren-und Laufen zugewandt. Warum? Weil nach einer Schulter-Operation erstmal keine andere Form der körperlichen Bewegung möglich war als Radfahren und ich, bei zu langem Stillstand, das Gefühl bekomme innerlich (gedanklich wie auch organisch) zu verstopfen. Gelaufen bin ich schon immer gerne (weil es mir dieses wunderschöne Gefühl von Frei-sein vermittelt). Mein Vater war talentierter Schwimmer. Also, schonmal zwei Komponenten abgedeckt. Mit dem Radfahren musste ich ersteinmal eine ganz neue Freundschaft schließen.

 

Jedoch, von dem Tag an, als ich für meinen ersten Ausdauerevent (Marathon) zu trainieren begann, war das Feuer eröffnet. Die Reaktionen meiner Mitmenschen gingen vom Staunen bis zum Kopfschütteln. Meinem Freund zu damaliger Zeit wollte es recht wenig einleuchten. „Laufen???? Für was denn?!“ „Totaler Schwachsinn“ – „Für nichts gut“. Meine Familie dachte, ich befände mich in einer „Phase“ (die irgendwann 1982 begonnen und bis heute - wir schreiben das Jahr 2012 - noch nicht geendet hat). Dabei bin ich bis dato ein äußerst sozialer Mensch geblieben –ich helfe gerne, wenn ich kann - der es geschafft hat zwei Studiengänge, einen Vollzeit-Job und den Sport unter einen Hut zu bringen.

 

Ironman ist ein unglaublich geiler Sport. Das einmal vorweg. Seit 2007 starte ich (aufgrund des gutgemeinten Ratschlages meines damaligen neuseeländischen Trainers) in der Profikategorie auf der Triathlon Langdistanz. Im Nachhinein denke ich, ich hätte mich noch länger mit den Athletinnen meiner Altersklasse messen sollen, anstatt so völligst unerfahren gegen Mädels anzutreten, die zu diesem Zeitpunkt den Sport seit mehr als 15 Jahren betrieben, während ich noch keine zwei Triathlonjahre auf dem „Buckel“ hatte (und fleißig damit beschäftigt war meinen zweiten Studiengang in Neuseeland abzuschließen). Nach und nach habe ich mich in den letzten 4-5 Jahren aber daran gewöhnt und meine Leistung in Mäuseschritten dem angepasst, wo ich hinwill. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Manchmal frage ich mich, warum ich mich darauf eingelassen habe. Ironman - hört sich spannend an – ist es aber nicht immer.

 

Candice Hammond – eine noch junge aber unglaublich starke neuseeländische Triathletin hätte es in ihrem Blog nicht treffender fromulieren können:„Ironman is more than just a race - it's a unique journey into one's development“

 

Und so ist das auch: Eine Reise ins eigene ICH. Das Training um 3,8km schnell Schwimmen, 180 km schnell Radfahren und 42,2km schnell laufen zu können ist unglaublich anspruchsvoll und es gibt nur sehr wenige, die wirklich einmal damit reich werden können. Vielmehr muss man lernen, mit einem kleinen Budget auszukommen. D.h. oftmals rechnend durch den Supermarkt zu laufen, weil man genau x € zur Verfügung hat. Nicht mehr und nicht weniger. So versucht man dann möglichst billig an all die gesunden Nährstoffe zu kommen, die eben in x € reinpassen. Kopfrechnen wird bald wieder zum Kinderspiel. Und die Überraschung ist manchmal groß, wie man seinen Bedarf tatsächlich auch mit wenig Geld abdecken kann. Es geht! Man muss nur mit eingeschaltenem Kopf einkaufen gehen. Mehr denken – weniger ausgeben.

 

Du wirst Dich auf jedem Fall, für die Zeit, die Du Dich mit Ironman-Training beschäftigst, lernen müssen Durststrecken zu überbrücken. Zumindest ist dies mit 100%iger Sicherheit der Fall, wenn Du Dich entschliesst Deinen Job für den Sport an den Nagel zu hängen (es sei denn Du hast einen Partner/EhemannFrau der/die Dich über Wasser hält). Während also Deine Freunde hart arbeiten, fleißig Geld zur Seite legen, anfangen Kinder zu kriegen und Häuser zu bauen, dreht sich Dein Investment und Leben immer weiter um Deinen Sport.

 

Dein Fahrrad ist kein Fahrrad mehr im üblichen Sinne. Es ist Deine Foltermaschine, mit der Du viele viele gemeinsame Stunden pro Woche verbringen wirst. Und das bringt uns zum nächsten Punkt. Dem Einzelgänger und Kämpfer in Dir. Bald lernst Du, Dich sehr gut mit diesem anzufreunden. Denn es ist alles andere als einfach geeignete Trainingspartner zu finden. Es gibt nur wenige die freiwillig so lange auf dem Sattel sitzen, so weit laufen und unendliche male die Schwimmbadbahn rauf und runterschwimmen wollen. Und noch wenigere, die Dein Tempo halten können (wollen). Die Chancen gehen gegen Null, wenn Du versuchts, jemanden zu finden, der es REGELMÄßIG schafft am Freitag/Samstag Abend früh im Bett zu sein, um im nächsten Morgengrauen mit Dir Gas zu geben.

 

Selbst die besten Freunde und die liebe Familie werden wahrscheinlich nie ganz verstehen, WARUM und WIE Du diesen Sport betreibst. Aber das ist okay! Und sie sind trotzdem von großer Wichtigkeit für Dich - in der Hinsicht, dass Du hin und wieder einmal aus Deinem geregelten, strikt durchgetakteten Leben herausgerissen wirst und den berühmt-berüchtigten Wald wieder siehst.

 

Lerne, dass es normal ist, so dauermüde zu sein, dass Du nicht mehr weißt welcher Tag es ist, Du es nicht mehr schaffst Dich auf eine Unterhaltung zu konzentrieren, bis 10 zu zählen und absolut nicht mehr uptodate sein wirst mit den neusten Ereignissen im Bekanntenkreis. Normale Kleidung – brauchst Du so gut wie nicht mehr (das merkst Du dann, wenn Du einmal eine Einladung nicht absagen kannst und mit großen fragenden Augen vor Deinem Kleiderschrank stehst).

 

Dafür lernst Du immer fleißig dazu, was die Optimierung Deiner Ernährung und Deines Körperfettgehaltes betrifft. Deine Nahrungsaufnahme muss auf jeden Fall immer zeitlich mit irgendeiner Form von Lauf-, Rad- und Schwimmtraining harmonisch abgestimmt sein. Wenn Du Pech hast, wirst Du es auf die harte Weise lernen wann und was Du vor dem Training noch essen kannst. Nämlich dann, wenn sich Dein Mageninhalt (egal durch welchen Ausgang) gerne, mitten im Training und noch weit von zu Hause/der nächsten öffentlichen Toilette entfernt, entleeren möchte.

 

Soziale Events, Parties, Kino...gehören der Vergangenheit an. Denn erstens fehlen die finanziellen und zweitens die zeitlichen Mittel. Auch der Sinn solcher Aktivitäten wird immer mehr in Frage gestellt. Selbst Weihnachten und Silvester werden so geplant, dass das Training darunter so wenig wie möglich leiden wird. Und während der Rest der Verwandtschaft glücklich mit gefüllten Bäuchen im Bettchen schlummert, hast Du beim Essen gut aufgepasst, bist vergleichsweise früh ins Bett gegangen um vor allen aufzustehen und deinen Zweistundenlauf abzuhaken. Es gibt keine Ferien-/oder Feiertage. Triathlon ist wie eine 24/7 shopping mall. Woche für Woche. Samstags wird sechs Stunden hart trainiert und Sonntags steht der lange Lauf um 8:00 Uhr auf dem Programm. Um spätestens 22:00 geht an allen Tagen das Licht in Deinem Schlafzimmer aus. Dafür ist es ist Dir erlaubt, Dich nach überlebter Tortur in der Fötusstellung zu Hause auf dem Fußboden zusammenzurollen oder wimmernd auf den endlich ereichten Treppenstufen Deines zu Hauses zusammenzusinken – bis die Schmerzen nachlassen (es ist NICHT in Ordnung dabei in Tränen auszubrechen!).

 

Wenn Du am Wettkampftag gut drauf bist, dann ist das Rennen zwar immernoch unglaublich hart, aber auch spannend. Mit dem Training sieht das schon anders aus. Das kann oftmals eintönig und monoton sein und sich anfühlen wie eine Endlosschlaufe. Aber das gehört dazu. Es hilft, sich immer wieder und wieder sein Ziel vor Augen zu halten.

 

Deine Wettkampf-supporter sind genauso wichtig wie Deine Wettkampfernährung. Ohne sie ginge alles wesentlich schlechter. Sie fiebern mit Dir mit, sind aufgeregt, machen sich Sorgen, stehen sich den ganzen Tag lang (von frühs um 5:00 beim Aufbruch in die Wechselzone bis Nachmittags beim Zieleinlauf) die Beine in den Bauch und werden eigentlich nur belohnt, wenn das Rennen glücklich verlaufen ist.

 

Wenn Du einmal mit dem Training für einen Ironman beginnst, sei Dir gewiss auf viele weitere Ausdauer-Psycho-Freaks zu stoßen. Es wird immer jemanden geben der schneller als Du geschwommen bist, schneller als Du Rad gefahren oder gelaufen ist. Mach Dir nichts draus. Vergleiche Dich auch NIEMALS mit anderen.

 

Sponsoren sind grandios. Ohne sie ginge GARNICHTS!

 

Das was ein Mensch aushalten, die Ausdauer die er an den Tag legen kann – ist einfach unglaublich. Das allerhärteste beim immer fitter, schneller und stärker werden ist dennoch NICHT die körperliche Verausgabung die Du unternehmen musst, sondern die Beharrlichkeit und Konsequenz mit der Du Dein Vorhaben, sprich Training, in die Tat umsetzt.

 

Was mich wirklich motiviert, ist das Gefühl ICH selbst zu sein. Meinen Körper zu spüren – vom kleinen Zehnagel bis in die Haarspitzen. Ich spüre die Muskeln unter der Haut, wie mein Herz kräftig schlägt, wie meine Lungenflügel sich mit Luft füllen, wie mein Organismus funktioniert, des Nachts erschöpft den Schlaf aufsaugt und mit frischer Energie in den nächsten Tag startet. Alles funktioniert. Mein Körper und ich harmonieren. Wie zwei gute Freunde. Und ich seh ihn gerne an. Tagein tagaus. Immerhin ist er es, der es mir ermöglicht mich an und über meine (gedachten) Grenzen zu katapultieren.

 

“Only those who will risk going too far can possibly find out how far one can go.” (T.S. Eliot)

 

Und warum das alles?

 

„Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser ließ er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm, das eben ist denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und beginnen auzustrahlen, wa in Ihnen ist.“ (Hermann Hesse, Siddharta)

 

Genau um das, was Siddharta getan hat, sich ganz tief sinken zu lassen – alle Schichten zu durchtauchen um am Grund anzukommen – darum geht es. Meines Erachtens nach „durchtaucht“ man auch bei einer Langdistanz (inklusive dem Training hierfür) jede dieser Schichten und trifft auf sein wirkliches ICH. Das ist nicht immer ein angenehmes Aufeinandertreffen – aber kann ein sehr lehrreiches sein. Selbst die letzte Charaktereigenschaft, ob gut oder schlecht, wird zum Vorschein kommen. Die Person, die uns am meisten beschäftigt (nämlich wir selbst) wird wie ein verworrenes Rätsel Schritt für Schritt gelöst. Es gibt keine Geheimnisse mehr – nurnoch Erkenntnis. Was man daraus macht ist einem selbst überlassen. Bin ich jemand, der ehrlich zu sich ist, oder belüge ich mich lieber selbst? Habe ich die Kraft mich meinen Schwächen zu stellen? Kann ich mich auf das HIER und JETZT konzentrieren – oder suche ich ständig Ablenkung? Steckt in mir ein flammender Ballen Energie – oder herrscht gähnende Leere? Wenn JA – WARUM?

 

Ich weiß, dass ich auf vieles Verzichte – um diese eine Sache RICHTIG zu machen. Aber der Gewinn daraus ist immens. Wir können als einzelner Mensch in diesem einem Leben nicht ALLES machen. Und das müssen wir ein für alle mal akzeptieren. Nur wenn wir dahin kommen und dies verstehen werden wir glücklich.

 

Meistens merken wir erst wieder, wie sehr uns eine Sache am Herzen liegt, wenn wir alles verloren habe. Wir müssen aufhören, immer auf das zu starren, was uns fehlt und anfangen uns dessen bewusst zu sein, was wir haben. Wertschätzung lernen kann eine große Erfüllung sein. Dazu gehört die Wertschätzung unserer Gesundheit – allem voran. Um mit einem meiner neuseeländischen Liblings-Artists - Tiki Taane - zu sprechen: „People don’t take for granted – this place that we call home. You don’t know what you got – until it all has gone”.

 

„Siddharta schlug die Augen auf und sah um sich, ein Lächeln erfüllte sein Gesicht, und ein tiefes Gefühl von Erwachen aus langen Träumen durchströmte ihn bis in die Zehen und alsbald lief er wieder, lief rasch, wie ein Mann, welcher weiß was er zu tun hat.“

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