Lieber Wolke 4 mit Dir

March 15, 2015

Wir nähern uns in schnellen Schritten dem Frühling und JA, dem Sommer. Yiiippiiiieeeh :-) 

Die Vorfreude ist groß. Nicht mehr lange und die erste Radausfahrt in kurz-kurz wird möglich sein und das Laufen wird uns leichter fallen – durch saftig grüne Wiesen unter strahlend blauem Himmel.  Noch circa acht Wochen und die ersten Freibäder öffnen ihre Tore. Was ein Traum.

 

Aber genau jetzt hängt, trotz der schönen Aussichten, der ein oder andere ganz schön in den Seilen. Grippewelle, Kälte, Rollentraining etc. haben an den Kräften und vor allen Dingen der Motivation gezehrt.

 

Ganz ähnlich wie auf einer Ironman-Distanz. Am Anfang, mit frischen Armen, Beinen und gefüllten Kohlenhydratspeichern läuft noch alles rund, nach Plan und scheinbar mühelos. Irgendwann wird jedoch in jedem Rennen der Turningpoint kommen. Wir nähern uns unserer Grenze und plötzlich muss der Kopf eine ganze Menge Motivationsarbeit leisten. Aber man macht weiter, egal wie hässlich es wird, das Ziel fest vor Augen. Das Absurde, je schlimmer man sich auf den letzten Kilometern gefühlt hat, desto größer ist das Glücksgefühl beim Überqueren der Ziellinie. Am liebsten würde man die ganze Welt umarmen und das noch Tage nach dem was man da erreicht hat. Wie frustrierend dagegen ein DNF sein kann, haben mit Sicherheit schon viele Athleten erlebt. Vor allem dann, wenn es der Kopf war, der nicht die mentale Stärke hatte durchzuhalten bis zum Schluss.

 

So ähnlich ist es mit dem europäischen Winter. Bis Weihnachten verfliegt die Zeit meist im Flug. Auch der Januar vergeht ruckzuck. Doch Februar und März, so meine persönliche Erfahrung, ziehen sich oft wie Kaugummi. Man denkt es sollte Frühling sein und wieder muss man sich bei Nieselregen und 3-5 Grad Kilometer für Kilometer durch die graue Nebelsuppe nach vorne arbeiten. Meter um Meter. Kalte Hände, kaltes Gesicht, kalte Füße noch Stunden nach der langen Radausfahrt. Das macht keinen Spaß. Und gerne taucht dann die Frage auf: „Warum das alles?“

 

Nun, genau in diesem Moment sollte man eine Antwort auf diese Frage haben. Und zwar eine so deutliche, das man im Prinzip gar nicht erst zum Formulieren dieser Frage kommt. Weil die Antwort schon so klar ist! Mein persönliches Ziel ist eine neue Bestzeit. Ich brauche dafür kein Rennen zu gewinnen. Ich kann auch 10. oder 20. werden. Solange ich endlich schaffe, eine 9:2x:xxh, nach 3,8km Schwimmen, 180km Rad und 42km Laufen, stehen zu haben. Weil ich weiß, dass ich das kann, treibt es mich an. Ich habe es tagtäglich vor Augen. So hat jeder - im Optimalfall - sein ganz persönliches Ziel.

 

Es ist wie mit einer neue Liebe - oder ein neues Abenteuer – sie verlocken, schenken uns neue Kraft und Durchhaltevermögen. Der alleinige Gedanke daran reicht und man fühlt sich augenblicklich glücksgeladen, angetrieben, ja fast schwerelos. Sei es Mensch oder Ziel, es ist diese unbeschreibliche Anziehungskraft die auf einmal alles möglich zu machen scheint, Kräfte mobilisiert, von denen wir nur geahnt haben, dass sie in uns schlummern.

 

Wie unglaublich ist dieses elektrisierende Gefühl das einem durch den ganzen Körper bis in die kleinste Zelle schießt, dieser massive Schub an augenblicklicher Energie, das Empfinden man könnte alles in Lichtgeschwindigkeit und mit engelsgleicher Leichtigkeit erledigen.

 

Wenn wir "Etwas" finden, das uns inspiriert, motiviert und anzieht, dann bestimmt dieses „Etwas“, sei es ein Mensch oder ein neues Projekt, plötzlich den Takt unseres Lebens, lenkt dieses in neue Bahnen ohne dass wir das Gefühl haben, uns überwinden zu müssen. Das Gefühl über sich hinauszuwachsen hat etwas Erhabenes und uns Erhebendes. Wir fühlen uns einen Kopf größer und gehen mit einem Mal aufrechter durchs Leben. Weil dieses einen neuen Sinn bekommen hat.

 

Könnten wir dieses Gefühl nur konservieren und für immer bewahren…

 

Aber kann der Zustand höchster Euphorie und Glücksgefühle für immer und ewig so derart intensiv anhalten? Oder ändert er sich irgendwann, wandelt sich in etwas, das nicht immer mit Leichtigkeit verglichen werden kann, aber für das es sich durchzuhalten lohnt? Zum Beispiel jetzt im grauen Februar und März – in einer Zeit in der wir scheinbar nichts geschenkt bekommen, uns wettertechnisch nichts erspart bleibt?

 

Wie schreiben Marv & Philipp Dittberner so treffend in ihrem Song „Wolke 4“:

 

„Lieber Wolke vier mit Dir als unten wieder ganz allein.“

 

Eben. Muss es immer die Wolke 7 sein? Oder ist eine dauerhafte Wolke 4 vielleicht viel wertvoller?

Man kann auf so viele verschiedene Art und Weisen Glücksgefühle empfinden. So auch durch eine ganz persönliche Mission, deren erste Idee wie ein Samenkorn auf fruchtbaren Boden fällt.

 

„Dreams are the seedlings of reality“ (Napoleon Hill).

 

Die Gabe zu TRÄUMEN sollten wir uns aber immer bewahren. I-M-M-E-R. Träume sind nicht nur Inspiration und Antrieb, sie sind eine Erholung vom Alltag. Ein Traum muss dabei nicht direkt zu einem neuen Ziel werden. Ein Ziel sollte aber immer etwas sein von dem wir träumen – etwas, dass uns Gänsehaut und ein wohliges Gefühl im Bauch erzeugt, uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Man nennt dies auch intrinsische Motivation. Eine Motivation die von innen kommt.

 

Extrinsische Motivation dagegen, ein Ziel, dass wir uns auferlegen weil wir z.Bsp. etwas beweisen wollen, wird sehr schnell zur Bürde. Unrealistisches träumen hat eher mit phantasieren zu tun. "Ich MUSS das und das erreichen, weil"…führt zu…zu nichts...zu nichts als Unzufriedenheit. Mit sich selbst und mit dem eigenen Umfeld.

 

„Der Mensch ist die beste Medizin für den Menschen“ 

 

...besagt ein chinesisches Sprichwort. Wie oft aber verfallen wir Triathleten in den stoischen Einzelkampf. Sei es um die Bahn im Schwimmbad, die Rechtfertigung des immensen Trainingsaufwandes, das Verständnis der Mitmenschen für unsere roller coaster Launen. Am Ende leiden alle darunter. Und für was?

 

Als NICHT-Profi, sollte es uns da nicht um den SPASS am Sport gehen? Darum, dass wir gemeinsam mit anderen  trainieren, voneinander lernen, uns austauschen und zusammen leiden und lachen  können? Gibt es nicht schon Verbissenheit genug? Ist da ein etwas bescheideneres Ziel nicht vielleicht angebrachter? Ein Ziel auf Wolke 4 vielleicht? Das uns verzeiht, wenn wir NICHT bei Kälte und Regen mit nassem Hintern 3-5 Stunden draußen auf dem Rad zubringen?

 

Natürlich, wenn man sich ein ambitioniertes (und realistisches!) Ziel gesetzt hat und nicht genau weiß, wie man dieses bestmöglich erreicht, dann macht es Sinn einen Coach zu engagieren der einem sagt, was man zu tun (und vielleicht auch zu lassen) hat. Das gibt einem Struktur, Überblick und ein sicheres Gefühl. Man hat immer einen Ansprechpartner, jemanden, der mehr Erfahrung hat als man selbst, der einem den ein oder anderen Fehltritt sowie Verletzungen erspart. Man bekommt das Wissen des Trainers bezüglich Training, Equipment, Ernährung und Wettkampf zur Verfügung gestellt, um davon zu profitieren.

 

Aber es gibt auch Zeiten in denen sollte man vielleicht einen Schritt zurück gehen. Sich mal keine Ziele stecken und lernen, wieder mit dem Flow zu gehen. Achtsamkeit sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber entsteht dann fast wie von selbst. Da, wo man sich vorher von sich selbst entfernt hat, geht man automatisch wieder ein Stück weit auf sich selbst zu. Das kann sehr gut tun. Dann in den Pool, die Laufschuhe oder aufs Rad zu springen wenn die Sonne lacht und man das BEDÜRFNISS hat mal wieder seine Lieblingsrunde zu drehen, vielleicht mit Picknicksachen im Gepäck, gemeinsam mit Freunden und Familie, tut dann nicht nur der Fitness, sondern auch dem Gemüt gut. Es ist kein „MUSS“ sondern ein „GERNE MACHEN“.

 

Mir ging es meistens so wenn ich verletzt war. Ob Gehirnerschütterung, gebrochenes Schlüsselbein oder ein Knochenödem im Fuß bedingt durch eine im Marathon erlaufene Blase am großen Zeh. Ich bin in den „Pausen“ förmlich aufgeblüht, weil ich plötzlich ohne schlechtes Gewissen, Zeit für anderes hatte. „Time is flying when you are having fun“, sagt das englische Sprichwort. Aber die Zeit fliegt auch, wenn man sich Hals über Kopf in eine Sache verrennt, die, wenn wir ganz ehrlich sind, nichts mehr mit Spaß zu tun hat.

 

Daher begrüße ich die Entscheidung meiner Athleten wenn sie einmal eine Auszeit und einmal ohne Ziel vor Augen „genußsporteln“ wollen. Auch in der Landwirtschaft muss ein Bauer seinen Feldern hin und wieder eine Pause gönnen. Sie brachliegen lassen, damit der Boden sich wieder mit Nährstoffen anreichern und im nächsten Jahr eine reiche Ernte einbringen kann.

 

„Dreams are the seedlings of reality“ ... aber die Samenkörner werden auf einem ausgelaugten und vertrockneten Boden kaum eine Chance haben ...

In diesem Sinne: Immer Wolke 7? Oder dauerhaft die Wolke 4? Die Entscheidung liegt in unserer Hand!

 

Bis demnächst :-)

Eure Celi

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